Was ist eigentlich Natur? Als Natur- und Landschaftsfotograf sollte man sich mit dieser Fragestellung immer wieder auseinandersetzen. Im Zeitalter des Anthropozän könnte man die Fragestellung noch erweitern: Gibt es eigentlich noch Natur? Viele Menschen sehen alles außerhalb ihrer urbanen Gebiete als Natur an - auch die industriellen Landwirtschaftswüsten. Auch viele Naturschützer haben mit den Begriffen und Definitionen ihre Probleme. Sie sehen in der vorindustrialisierten Landwirtschaft ihrer Kindheit die heile Natur und die schöne alte (problemlose) Zeit.
Natur ist für mich, teilweise, die Kernzone des Nationalparks Bayerischer Wald. Die naturnahen Wälder am Falkenstein oder Rachel lassen erahnen, wie früher die Wälder ausgesehen haben. Leider wird aus politischen Gründen immer noch Forstwirtschaft in großen Teilen des Nationalpark betrieben. Die Veränderungen im Wald durch die Klimaerwärmung werden sich durch ein paar mehr oder weniger geschlagene Käferbäume aber nicht aufhalten lassen.
Die Schachten im Nationalpark oder andere, heute noch extensiv genutzte Flächen sind Kulturland. Wenn die Schachten nicht mehr gepflegt werden, sind sie innerhalb einiger Jahre zuerst Buschland und dann Wald. Der Bayerische Wald ist kein Urwald, kein Dschungel, und wird es auch nie werden. Es ist deshalb auch aus meiner Sicht richtig, durch Pflegemaßnahmen diese "Perlen im Waldmeer" zu erhalten. Sie sind ein Teil der Geschichte des Bayerischen Waldes und mittlerweile auch spezialisierte ökologische Räume. Besonders bekannt sind die alten Bergahorn, echte Charakterbäume. Aber auch der Auerhahn und viele Pflanzen brauchen diese lichten Flächen im Wald.

Wenn man im Frühsommer nur die unterschiedlichen Grün-Variationen von mehr oder weniger naturbelassenen Flächen mit landwirtschaftlich genutzten Flächen vergleicht, wird sofort der Unterschied deutlich: Landwirtschaftliche Nutzflächen haben nur wenige verschiedene Grüntöne. Und gerade Grüntöne können wir am besten differenzieren und sehen und werden angenehm empfunden.
Landwirtschaft ist heute wie die Industrie: Sie ist voll mechanisiert und ist immer größer strukturiert. Wie in der Wirtschaft findet auch hier ein Zentralisierungsprozess statt. Kleinstbauern gibt es schon lange nicht mehr. Auch die Nebenerwerbslandwirte werden immer weniger. Dagegen werden die verbleibenden landwirtschaftlichen Betriebe größer - genau wie ihre Maschinen. Es gibt schon die ersten Stimmen, die die Biodiversität in den Städten höher einschätzen wie in den landwirtschaftlich genutzten Gegenden.
Unter fotografischen Gesichtspunkten ist aber auch die landwirtschaftliche Monokultur durchaus eine Herausforderung. Diese Monotonie gekonnt ins Bild zu setzen, ist wirklich nicht einfach. Zur richtigen Jahreszeit braucht man auch noch die richtige Tageszeit und das richtige Licht.
Mehr wenn wieder Zeit ist.
